ich kann nicht anders, ich muss heute einfach noch was schreiben.
ich hab's getan: ich habe im ganges gebadet und bin dreimal mit dem kopf untergetaucht. so muss man es naemlich machen, wenn man sein erstes bad im ganges nimmt. natuerlich in meinen kleidern, weil es sich fuer frauen nicht schickt, leicht bekleidet ein bad zu nehmen. (ein paar frauen, die hier vor einigen tagen im bikini badeten, wurden von indern verpruegelt)
danach entstieg ich den fluten tropfnass und setzte mich auf einen stein, um in der sonne zu trocknen.
ich kam ins gespraech mit einer franzoesin, die hier jeden tag herkommt und ein bad nimmt (etwas ausserhalb von rishikesh, wo das wasser sehr sauber, der strom aber auch sehr reissend ist).
nach einer weile fragte sie mich, ob ich ihr vielleicht einen gefallen tun koennte. sie kann naemlich kein englisch, ihr handy ist weggekommen und sie will jetzt bei der polizei eine meldung aufgeben.
so kam es, dass ich am selben tag zwar ein paar schlechte karmaschichten los wurde, aber ein paar neue sammelte.
ihre geschichte war die: sie war im freedom-cafe und hatte ihr handy dabei. am naechsten tag entdeckte sie in der frueh um fuenf, dass ihr handy nicht mehr da war. also ging sie zurueck ins freedom-cafe, um nach dem handy zu fragen. es war aber nicht gefunden worden. ihr schluss: jemand muss es gestohlen haben.
wir gingen also zur oertlichen polizeistation. erst sah es so aus, als wollte sich keiner unserer geschichte annehmen, dann wurden wir gebeten, an einem tisch im hof platz zu nehmen. man brachte zwei blatt papier, die man mit stecknadel zusammensteckte und zwischen die man ein kohlepapier legte. ausserdem drueckte man mir einen stift in die hand.
ich sagte: no writing-machine? you write? (mein englisch ist hier ziemlich basic geworden) nein, wir muessten unseren bericht schon selber schreiben.
ich sagte zu der franzoesin, es ist vielleicht besser, wenn wir nicht schreiben, dass sie erst am naechsten tag bemerkt hat, dass das telefon weg war. ich dachte, es ist ja hauptsaechlich fuer ihre versicherung. wir schreiben also nur, dass das handy im freedom-cafe wegkam und wahrscheinlich gestohlen wurde.
ich dachte, wir wuerden dann einen stempel bekommen, und die polizisten wuerden das papier zu den akten legen und sie koennte ihr exemplar ihrer versicherung in paris geben.
aber so war es nicht.
auch wenn die polizisten einen so desinteressierten und unorganisierten eindruck machten, so folgten sie doch einem strengen prozedere.
es wurde also irgendein chef wahrscheinlich vom sonntaeglichen mittagessen weg- und in die polizeistation gerufen, wo er mit rotem t-shirt und gelben sturzhelm auf einem moped ankam.
er hoerte sich unsere story an, von ihr auf franzoesisch erzaehlt, von mir auf englisch uebersetzt.
erstmal mussten wir uns von ihm belehren lassen, dass andauernd touristen kommen, die den verlust irgendwelcher gegenstaende melden, und dann stellt sich heraus, dass sie diese an inder verkauft haben und nur den stempel fuer ihre versicherung brauchen. das breitete er lange und ausfuehrlich aus, verbreitete dabei sehr viel testosteron, und ich nickte dazu.
punkt eins. er glaubte unsere geschichte, weil die franzoesin eine "old lady" sei.
punkt zwei. warum kommt sie erst heute, um die meldung zu machen, obwohl das telefon schon seit drei tagen weg ist (die polizei hatte sich uebrigens im datum geirrt, die wussten wohl nicht, dass heute frauentag ist und diktierten mir den 7. maerz).
weil sie niemanden gefunden hat, der franzoesisch und englisch kann, so ich, und sie mich erst heute getroffen hat.
dieses argument wollte er ueberhaupt nicht einsehen. die polizei kann dolmetscher zur verfuegung stellen. sie haette sofort irgendeinen polizisten auf der strasse ansprechen koennen. der haette das cafe mit staatsgewalt oeffnen lassen usw.
punkt drei. unsere (meine) formulierung, dass das handy "wahrscheinlich gestohlen wurde", sei eine starke anklage, der sie nachgehen muessten usw., dazu braucht es mehr, zeugen, blabla usw.
ob es irgendeinen beweis dafuer gibt, dass das telefon wirklich existiert hat. welche telefonnummer das telefon hatte. ob sie die nummer gesperrt hat.
ich musste die ganze zeit zwischen englisch und franzoesisch hin- und heruebersetzen, aber glaubt bloss nicht, dass mein franzoesisch besonders gut ist.
ploetzlich stand der blasse besitzer des freedom-cafes vor dem tisch, herbeigeholt von ein paar nebenpolizisten. jetzt wurde das gespraech auf hindi gefuehrt, und wir verstanden natuerlich kein wort, sahen bloss, dass dem freedom-cafe-besitzer der arsch auf grundeis ging.
ich bereute schon zutiefst, dass ich das mit dem "gestohlen" geschrieben hatte, sah mich schon wegen betrugs zehn jahre in einem indischen gefaengnis sitzen (oder wegen versuchten betrugs, was vielleicht nur fuenf jahre gegeben haette).
und was ging mich eigentlich die versicherung der franzoesin an? und ihr telefon? wieso mischte ich mich eigentlich ein? wieso hatte ich nicht einfach ihre version der geschichte aufgeschrieben? wieso hatte ich versucht, superschlau und eine versicherungsbetruegerin zu sein?
der besitzer des freedom-cafes sah aus, als gingen ihm auch verschiedene gefaengnisstrafen durch den kopf sowie die zustaende in den indischen gefaengnissen.
er fragte uns (mich) dann, ob wir das wirklich so schreiben wollten, dass das handy wahrscheinlich gestohlen wurde, und ob uns klar sein, was fuer eine anklage wir da gegen sein cafe richteten.
neinnein, versicherte ich schnell, ich wollte den rueckwaertsgang einlegen. ("koennen wir bitte neues papier bekommen?")
die wortschwaelle auf hindi gingen weiter, ich hatte ueberhaupt keine ahnung, in welche richtung sich die geschichte weiterentwickelte, aber da stand schon ein polizist mit zwei neuen blatt papier in der hand da und steckte sie wieder fein saeuberlich mit stecknadeln zusammen.
inzwischen hatten ungefaehr zehn personen an unserem kleinen tisch im hof der polizei platz genommen und ungefaehr genauso viele standen herum und hoerten interessiert zu.
ich schrieb also eine neue version der geschichte, knuellte die andere zusammen und steckte sie schnell in meinen rucksack.
wir meldeten hiermit den verlust eines handys an, zuletzt gesehen im freedom cafe am soundsovielten um soundsoviel uhr.
einer der polizisten verschwand und kam dann mit der gestempelten blaupause zurueck. wir konnten gehen.
der besitzer des freedom-cafes wandte sich im gehen an uns. ob wir in einer halben stunde in sein cafe kommen koennten? er wuerde noch einmal mit allen seinen angestellten sprechen.
inzwischen war ein noch hoeherer polizist angekommen, der uns noch einmal anhielt.
was los sei.
er wollte die stempelei wieder rueckgaengig machen, weil wir die meldung viel zu spaet abgegeben haetten.
aber die anderen polizisten, die inzwischen eine art zuneigung zu uns gefasst hatten, ueberredeten ihn, die sache jetzt auf sich beruhen zu lassen.
(am nebentisch im internetcafe sitzt uebrigens ein englaender, der gerade einem freund in england ueber skype von seinen coolen indien-erlebnissen erzaehlt.)
wir gingen dann doch direkt ins freedom-cafe, weil ich inzwischen ziemlichen hunger hatte (es war halbvier geworden).
zu unserer ueberraschung wimmelte es im cafe von polizisten. wir sahen auch den beamten mit dem roten t-shirt wieder. er kam auf die franzoesin zu und hielt ihr ein handy entgegen.
ob das ihr telefon sei?
es war ihr telefon.
obwohl die franzoesin zweimal in dem cafe war, um nach ihrem handy zu fragen, hatten die angestellten offensichtlich nicht verstanden, was sie wollte (sie konnte ja kein englisch), und alle waren jetzt angepisst, dass sie zur polizei gegangen war. jedenfalls war das ihre version.
die polizisten tranken cola und assen pommes frites, bevor sie verschwanden, ohne uns noch einmal eines blickes zu wuerdigen.
und ich ass einen falafelteller und trank auch eine coca cola.
die franzoesin, die mir nur ihren spirituellen namen gesagt hat, den ich mir nicht merken konnte, war uebrigens eine total faszinierende person.
sie war zum glueck ziemlich redselig, und ich liess mir von ihr die verruecktesten geschichten erzaehlen. zum beispiel die geschichte darueber, wie sie ihre zelle besucht hat, die aussah wie eine hostie, die auf wellen schaukelt.
oder so. ich kann auch nicht behaupten, dass ich alles genau verstanden habe.
sie war seherin und heilerin und konnte ueber erleuchtungserlebnisse en masse berichten. ich glaubte ihr alles, weil sie wirklich all das ausstrahlte, was sie sagte. und weil sie dabei witzig war.
sie wollte gern, dass ich in ihrem guesthouse wohne, wenn meine zeit im ashram rum ist, und ich liess mir das guesthouse zeigen. es war wirklich total schoen, mit einer terrasse, von der aus man ueber rishikesh und den ganges blickt. ihr zimmer ist gross und hell, das badezimmer neu gekachelt und sauber, und sie zahlt genauso viel wie ich in meinem ashram.
zwei affen fauchten uns an, auch nachdem wir ihnen eine mandarine zum fressen gegeben hatten.
wir trennten uns dann. sie war total dankbar fuer meinen einsatz, aber ich hatte eher das gefuehl, alles ziemlich durcheinander gebracht zu haben.
ich glaube, ich muss bald wieder im ganges baden, um das schlechte karma des heutigen tages loszuwerden...
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Sonntag, 8. März 2009
Dienstag, 3. März 2009
3. was ein mensch so macht
(diesen eintrag habe ich eigentlich gestern schon mal geschrieben, aber dann kroch der internetmann unter meinen tisch und sagte, just a minute, und ich dachte noch, soll ich jetzt vielleicht vorsichtshalber auf "speichern" druecken, aber da hatte er schon das stromkabel herausgezogen, und alles geschriebene war verschwunden. ihr koennt euch vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe. er murmelte was von "technical problems", aber es tat ihm wirklich leid.)
also, wo war ich stehen geblieben.
als ich mich um sieben uhr anzog und hinunter zur rezeption des "star palace" ging, um zu sagen, dass ich von hier weg will, auschecken, um jeden preis in der welt, da begegnete man mir mit gleichmut. eigentlich, dachte ich, ist es vielleicht hier gar nicht so schlecht. bei tageslicht besehen sieht ja alles immer ein bisschen rosiger aus. nicht mal die erhoehten parkgebuehren fuers taxi wollte der mann an der rezeption jetzt haben.
sogar der boiler in meinem "badezimmer" funktionierte. das haette ich mir nie gedacht, weil naemlich die haelfte von diesem boiler irgendwie an ein paar duennen kabeln hing.
ich schuettete also heisses wasser ueber mich, fuehlte mich zwar furchtbar unausgeschlafen, aber wie eine art mensch, und ging mit meinem rucksack hinaus in die kuehle delhi-morgenluft. also wenn ihr euch jetzt eine normale strasse vorstellt und einen buergersteig oder so was, dann kann ich nur sagen: falsch. falsch. falsch. es war eine art hinternebengasse, schmal und staubig.
gleich neben dem hotel "star palace" fiel ich ein paar stufen hinunter in ein kleines schummeriges cafe, das sich "momos cave" nannte und ungefaehr fuenfzehn plaetze an vier tischen hatte. eine art gemuetliches wohnzimmer mit chinalaternen und marokkanischen hockern, und an der wand war ein buecherregal, in dem englische, deutsche und sogar schwedische buecher standen.
"momos cave" war voellig fuer die beduerfnisse von travellern eingerichtet und auch nur von solchen besucht. am nebentisch sassen zwei indienerfahrene reisende aus mexico, die gerade einem jungen mann aus korea erklaerten, was man in delhi alles machen konnte.
ich ass ein "healthy breakfast", das aus muesli mit fruechten und joghurt und honig bestand (nur wer zwei monate in indien gewesen ist, weiss, wie gut ein muesli schmecken kann) und trank dazu einen milchkaffee (dito!).
dann machte ich mich auf die suche nach einer autorikscha, was natuerlich nicht schwer war.
der erste rikschafahrer war sofort bereit, mich zur jugendherberge zu fahren, obwohl er nicht genau wusste, wo sie lag. wir vereinbarten einen preis, der natuerlich viel zu hoch war, aber ich hatte keine kraft zum kaempfen mehr und kannte auch delhi nicht gut genug und liess ihn durch nebenstrassen kurven (damit mir der weg laenger vorkam), ohne zu protestieren, fragte ihn nach seiner familie und war insgesamt ziemlich nett. schliesslich brachte er mich aus der hoelle weg. als ich ihm schliesslich die 200 rupies in die hand drueckte, kuesste er sie, bevor er sie in die hemdtasche steckte und nannte mich seinen "gott". naja, das war ein leicht erworbener titel.
die jugendherberge liegt in new delhi, im diplomatischen viertel, und eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass eine stadt solche extreme beherbergt. hier sind die strassen breit, der himmel hoch, es stehen baeume herum, der verkehr ist maessig. es ist ein reiches, reiches viertel, aber deshalb faehrt man ja eigentlich nicht nach indien.
mann, war ich erleichtert, als ich in der rezeption der jugendherberge sass. alles war so sauber und ging irgendwie so geordnet vor sich. sogar fuer meinen schwedischen jugendherbergsausweis hatte ich ploetzlich verwendung.
ein bett im mehrbettzimmer kostet 150 rupies, das sind umgerechnet 2 euro 50. inklusive fruehstueck.
weil grade geputzt wurde, machte ich mich auf einen spaziergang durchs diplomatenviertel. ich kam sogar an der deutschen botschaft vorbei, vor der ich stehenblieb und ueber die mauer auf die verspiegelten fenster blickte, um zu denken: da sitzen leute, die fuer dich da sind. fuehlte sich irgendwie einen moment lang erhebend an.
eine sehr breite paradestrasse war in abstaenden von ungefaehr hundert metern von vielen polizisten gesaeumt, die mir immer aufgeregt zuwinkten, was aber nicht bedeutete, dass ich dort nicht gehen durfte, nur, dass ich mich irgendwie beeilen sollte. ich verstand es nicht genau und ging einfach weiter. schliesslich wurde ich von einem polizisten ganz von der strasse weg- und in eine gruenanlage hineingewunken, wo schon ein paar leute standen, als faende eine verschwoerung im gebuesch statt. ich bekam die erklaerung, dass wir hier ein paar minuten warten muessten, bis irgendeine wichtige person mit polizeieskorte vorbeigefahren waere.
nach einem kurzen mittagsschlaf in der jugendherberge (ich kann diese jugendherberge nicht genug loben. alles total sauber. der schlafsaal, in dem sechs betten stehen, hat ein eigenes klo und eine eigene dusche) versuchte ich irgendwie das oeffentliche transportsystem dieser stadt zu erkunden.
ich hatte naemlich die indischen rikschafahrer ziemlich satt.
nach einigem herumirren und fragen fand ich schliesslich auch einen bus, der mich zur metrostation "central secretariat" fuhr, und von dort nahm ich eine metro nach old delhi.
die u-bahn hier hat ein seltsames token-system. man kann auf einem plan nachschauen, wieviel rupies es zu der u-bahn-station kostet, die man ansteuert, und dann kauft man an einer kasse einen entsprechenden token. erst dachte ich, ich kann ja gleich zehn tokens kaufen, kaufte aber dann erstmal nur zwei, einen fuer die hinfahrt und einen fuer die rueckfahrt.
jetzt weiss ich, dass man immer nur einen token kaufen darf. ein kontrolleur zog meinen zweiten token ein und schaute mich mit ironischem laecheln an. erst dachte ich, he, spinnt der. dann kam sofort ein englischsprechender inder zur hilfe, konnte aber meine aufregung auch nicht besaenftigen. ich sagte schliesslich zu dem laechelnden kontrolleur. sie brauchen gar nicht so zu laecheln, ich bin schliesslich fremd hier und kenne ihre regeln nicht.
dann fing ich zum ersten mal an diesem tag wirklich an zu heulen.
draussen vor der u-bahnstation lag erstmal eine reihe bettler. ein mann mit von der lepra zerfressenen haenden. ein mann mit einer voellig infektierten hand. ein paar uebel aussehende hunde. kinder, die gleich die haende ausstreckten nach mir.
ich war an meiner indiengrenze angelangt.
jeder arme fahrradrikschafahrer, der mich mit "hallo, ma'm" zu werben versuchte, wurde erstmal angeschrien: will you please leave me alone? ich tat mir ehrlich ziemlich leid und ging schlucksend weiter.
liess mich in die gassen von old delhi hineinziehen. kam zur moschee jama masjid, wurde aber nicht eingelassen, ob es daran lag, dass ich eine frau war und gerade irgendeine besondere zeit nach oder vor irgendeinem gebet oder vor dem sonnenuntergang war, spielte eigentlich keine rolle fuer mich. ich hatte alles satt, setzte mich auf die stufen und versuchte mich zu sammeln.
ploetzlich spritzte was von hinten gegen meinen ruecken. ich drehte mich um. ein paar stufen ueber mir kotzte ein mann.
naja. ich weiss nicht, ob es jemanden wundert, dass ich delhi ziemlich scheisse fand.
ich trank in einem auf autoreifen spezialisierten viertel einen tee an einem stand. als ich den tee schon fast ausgetrunken hatte, sah ich das wasser, in dem die teeglaeser abgespuelt wurden. es hatte ungefaehr teefarbe.
der teeverkaeufer spuckte in einem strahl eine rote fluessigkeit auf den boden.
ich hatte immer noch nicht genug. schliesslich litt ich unter schlafmangel und bewegte mich wie einer schlafwandlerin. kennt vielleicht jemand diesen zustand?
liess mich also weiter durch die gassen treiben. es zeigte sich, dass ich in einem muslimischen viertel gelandet war. verschleierte frauen, maenner mit kaeppi. enge gassen, und trotzdem fahrradrikscha- und mopedverkehr in beide richtungen.
hammel und schafe an kurzen leinen oder ketten, die gefuettert und spaeter geschlachtet werden.
huehner in enge kaefige gepfercht, und neben ihnen werden ihre artgenossinnen gekoepft und gerupft und gleich gegrillt.
ich stolperte einfach irgendwie so weiter. es war, als ginge es staendig bergab und wuerde staendig dunkler oder duesterer. schliesslich war ich am ende meines muts angelangt. alles kam mir heute so bedrohlich vor.
ich stieg also auf eine fahrradrikscha und liess mich wieder zu u-bahn fahren. von dort aus zurueck zur jugendherberge. ich traf meine zimmergenossin, eine junge frau aus kaschmir. ich duschte und dann ging ich mit der jungen frau, die saba heisst, abendessen im speisesaal der jugendherberge.
sie erzaehlte mir was von kaschmir, ihr erzaehlte ihr was vom hotel "star palace", und um halbneun legten wir uns schlafen. ich schlief sofort ein und schlief wie ein stein die ganze nacht.
sorry, dass dieser eintrag so lang wurde. hoffe, ihr seid nicht eingschlafen.
also, wo war ich stehen geblieben.
als ich mich um sieben uhr anzog und hinunter zur rezeption des "star palace" ging, um zu sagen, dass ich von hier weg will, auschecken, um jeden preis in der welt, da begegnete man mir mit gleichmut. eigentlich, dachte ich, ist es vielleicht hier gar nicht so schlecht. bei tageslicht besehen sieht ja alles immer ein bisschen rosiger aus. nicht mal die erhoehten parkgebuehren fuers taxi wollte der mann an der rezeption jetzt haben.
sogar der boiler in meinem "badezimmer" funktionierte. das haette ich mir nie gedacht, weil naemlich die haelfte von diesem boiler irgendwie an ein paar duennen kabeln hing.
ich schuettete also heisses wasser ueber mich, fuehlte mich zwar furchtbar unausgeschlafen, aber wie eine art mensch, und ging mit meinem rucksack hinaus in die kuehle delhi-morgenluft. also wenn ihr euch jetzt eine normale strasse vorstellt und einen buergersteig oder so was, dann kann ich nur sagen: falsch. falsch. falsch. es war eine art hinternebengasse, schmal und staubig.
gleich neben dem hotel "star palace" fiel ich ein paar stufen hinunter in ein kleines schummeriges cafe, das sich "momos cave" nannte und ungefaehr fuenfzehn plaetze an vier tischen hatte. eine art gemuetliches wohnzimmer mit chinalaternen und marokkanischen hockern, und an der wand war ein buecherregal, in dem englische, deutsche und sogar schwedische buecher standen.
"momos cave" war voellig fuer die beduerfnisse von travellern eingerichtet und auch nur von solchen besucht. am nebentisch sassen zwei indienerfahrene reisende aus mexico, die gerade einem jungen mann aus korea erklaerten, was man in delhi alles machen konnte.
ich ass ein "healthy breakfast", das aus muesli mit fruechten und joghurt und honig bestand (nur wer zwei monate in indien gewesen ist, weiss, wie gut ein muesli schmecken kann) und trank dazu einen milchkaffee (dito!).
dann machte ich mich auf die suche nach einer autorikscha, was natuerlich nicht schwer war.
der erste rikschafahrer war sofort bereit, mich zur jugendherberge zu fahren, obwohl er nicht genau wusste, wo sie lag. wir vereinbarten einen preis, der natuerlich viel zu hoch war, aber ich hatte keine kraft zum kaempfen mehr und kannte auch delhi nicht gut genug und liess ihn durch nebenstrassen kurven (damit mir der weg laenger vorkam), ohne zu protestieren, fragte ihn nach seiner familie und war insgesamt ziemlich nett. schliesslich brachte er mich aus der hoelle weg. als ich ihm schliesslich die 200 rupies in die hand drueckte, kuesste er sie, bevor er sie in die hemdtasche steckte und nannte mich seinen "gott". naja, das war ein leicht erworbener titel.
die jugendherberge liegt in new delhi, im diplomatischen viertel, und eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass eine stadt solche extreme beherbergt. hier sind die strassen breit, der himmel hoch, es stehen baeume herum, der verkehr ist maessig. es ist ein reiches, reiches viertel, aber deshalb faehrt man ja eigentlich nicht nach indien.
mann, war ich erleichtert, als ich in der rezeption der jugendherberge sass. alles war so sauber und ging irgendwie so geordnet vor sich. sogar fuer meinen schwedischen jugendherbergsausweis hatte ich ploetzlich verwendung.
ein bett im mehrbettzimmer kostet 150 rupies, das sind umgerechnet 2 euro 50. inklusive fruehstueck.
weil grade geputzt wurde, machte ich mich auf einen spaziergang durchs diplomatenviertel. ich kam sogar an der deutschen botschaft vorbei, vor der ich stehenblieb und ueber die mauer auf die verspiegelten fenster blickte, um zu denken: da sitzen leute, die fuer dich da sind. fuehlte sich irgendwie einen moment lang erhebend an.
eine sehr breite paradestrasse war in abstaenden von ungefaehr hundert metern von vielen polizisten gesaeumt, die mir immer aufgeregt zuwinkten, was aber nicht bedeutete, dass ich dort nicht gehen durfte, nur, dass ich mich irgendwie beeilen sollte. ich verstand es nicht genau und ging einfach weiter. schliesslich wurde ich von einem polizisten ganz von der strasse weg- und in eine gruenanlage hineingewunken, wo schon ein paar leute standen, als faende eine verschwoerung im gebuesch statt. ich bekam die erklaerung, dass wir hier ein paar minuten warten muessten, bis irgendeine wichtige person mit polizeieskorte vorbeigefahren waere.
nach einem kurzen mittagsschlaf in der jugendherberge (ich kann diese jugendherberge nicht genug loben. alles total sauber. der schlafsaal, in dem sechs betten stehen, hat ein eigenes klo und eine eigene dusche) versuchte ich irgendwie das oeffentliche transportsystem dieser stadt zu erkunden.
ich hatte naemlich die indischen rikschafahrer ziemlich satt.
nach einigem herumirren und fragen fand ich schliesslich auch einen bus, der mich zur metrostation "central secretariat" fuhr, und von dort nahm ich eine metro nach old delhi.
die u-bahn hier hat ein seltsames token-system. man kann auf einem plan nachschauen, wieviel rupies es zu der u-bahn-station kostet, die man ansteuert, und dann kauft man an einer kasse einen entsprechenden token. erst dachte ich, ich kann ja gleich zehn tokens kaufen, kaufte aber dann erstmal nur zwei, einen fuer die hinfahrt und einen fuer die rueckfahrt.
jetzt weiss ich, dass man immer nur einen token kaufen darf. ein kontrolleur zog meinen zweiten token ein und schaute mich mit ironischem laecheln an. erst dachte ich, he, spinnt der. dann kam sofort ein englischsprechender inder zur hilfe, konnte aber meine aufregung auch nicht besaenftigen. ich sagte schliesslich zu dem laechelnden kontrolleur. sie brauchen gar nicht so zu laecheln, ich bin schliesslich fremd hier und kenne ihre regeln nicht.
dann fing ich zum ersten mal an diesem tag wirklich an zu heulen.
draussen vor der u-bahnstation lag erstmal eine reihe bettler. ein mann mit von der lepra zerfressenen haenden. ein mann mit einer voellig infektierten hand. ein paar uebel aussehende hunde. kinder, die gleich die haende ausstreckten nach mir.
ich war an meiner indiengrenze angelangt.
jeder arme fahrradrikschafahrer, der mich mit "hallo, ma'm" zu werben versuchte, wurde erstmal angeschrien: will you please leave me alone? ich tat mir ehrlich ziemlich leid und ging schlucksend weiter.
liess mich in die gassen von old delhi hineinziehen. kam zur moschee jama masjid, wurde aber nicht eingelassen, ob es daran lag, dass ich eine frau war und gerade irgendeine besondere zeit nach oder vor irgendeinem gebet oder vor dem sonnenuntergang war, spielte eigentlich keine rolle fuer mich. ich hatte alles satt, setzte mich auf die stufen und versuchte mich zu sammeln.
ploetzlich spritzte was von hinten gegen meinen ruecken. ich drehte mich um. ein paar stufen ueber mir kotzte ein mann.
naja. ich weiss nicht, ob es jemanden wundert, dass ich delhi ziemlich scheisse fand.
ich trank in einem auf autoreifen spezialisierten viertel einen tee an einem stand. als ich den tee schon fast ausgetrunken hatte, sah ich das wasser, in dem die teeglaeser abgespuelt wurden. es hatte ungefaehr teefarbe.
der teeverkaeufer spuckte in einem strahl eine rote fluessigkeit auf den boden.
ich hatte immer noch nicht genug. schliesslich litt ich unter schlafmangel und bewegte mich wie einer schlafwandlerin. kennt vielleicht jemand diesen zustand?
liess mich also weiter durch die gassen treiben. es zeigte sich, dass ich in einem muslimischen viertel gelandet war. verschleierte frauen, maenner mit kaeppi. enge gassen, und trotzdem fahrradrikscha- und mopedverkehr in beide richtungen.
hammel und schafe an kurzen leinen oder ketten, die gefuettert und spaeter geschlachtet werden.
huehner in enge kaefige gepfercht, und neben ihnen werden ihre artgenossinnen gekoepft und gerupft und gleich gegrillt.
ich stolperte einfach irgendwie so weiter. es war, als ginge es staendig bergab und wuerde staendig dunkler oder duesterer. schliesslich war ich am ende meines muts angelangt. alles kam mir heute so bedrohlich vor.
ich stieg also auf eine fahrradrikscha und liess mich wieder zu u-bahn fahren. von dort aus zurueck zur jugendherberge. ich traf meine zimmergenossin, eine junge frau aus kaschmir. ich duschte und dann ging ich mit der jungen frau, die saba heisst, abendessen im speisesaal der jugendherberge.
sie erzaehlte mir was von kaschmir, ihr erzaehlte ihr was vom hotel "star palace", und um halbneun legten wir uns schlafen. ich schlief sofort ein und schlief wie ein stein die ganze nacht.
sorry, dass dieser eintrag so lang wurde. hoffe, ihr seid nicht eingschlafen.
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