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Mittwoch, 4. März 2009

hindi und mein grosser zeh

(der internetmann hat die preise jetzt wieder erhoeht.)
ich weiss nicht, warum mir delhi so unfreundlich vorkommt. aber ich bin ja nicht die einzige. auch die inder bestaetigen es mir. heute hatte ich noch eine weitere theorie: vielleicht liegt es an der sprache. hindi klingt naemlich ziemlich hart, viel anders als das gutturale und singende tamil oder auch mayalayam, das man in kerala spricht.
dabei kann ich mich nicht beschweren. niemand ist ja so richtig unfreundlich zu mir gewesen, und ich bin eigentlich im grossen und ganzen gut zurecht gekommen, vielleicht auch, weil ich meine strassenhundeigenschaften schon ziemlich weit entwickelt habe.
in ein paar stunden geht es jetzt zum zug. das klingt einfach. aber es ist mir doch ein bisschen bange. vor den verhandlungen mit dem rikschafahrer. vor dem gedraenge am bahnhof usw.
ich bin sehr froh, dass bald eine ganze naechtliche zugfahrt zwischen mir und delhi liegt.
heute war museumstag. ich machte mich in der frueh mit saba, meiner zimmergenossin aus kashmir, auf den weg, weil sie in der selben gegend arbeitet, in der das museum liegt.
kurz vor zehn am museum angekommen, lieferte ich meine tasche in einem clark room ab, wo sie von einem sicherheitsmann eingeschlossen wurde, der mir daraufhin den schluessel ueberreichte, ein ziemlich pfiffiges system.
dann ging ich durch die sicherheitssperre mit der aufschrift "ladies" (ueberall in delhi sind solche sicherheitssperren, aber in der regel weiss ich nicht, worauf die sicherheitsmenschen eigentlich achten. es piepst sowieso bei jedem. manchmal muss man seine tasche oeffnen, und sie werfen einen kurzen blick hinein, und das war es dann), kaufte mir eine eintrittskarte zum auslaenderpreis, liess mir eine audiofuehrung aushaendigen, fuer die ich 2000 rupies pfand daliess (ein vermoegen) und liess mir von einer museumsdame mit einer roboterhaften stimme erklaeren, dass leider nicht alle teile der sammlung zugaenglich seien.
dieses museum ist glaube ich das schmuckstueck indiens, 1949 eroeffnet und 1960 in diesem gebaeude untergebracht. es stank fuerchterlich nach dem putzmittel, mit dem hier ueberall geputzt wird.
die audiofuehrung war ganz gut. ich hatte die englische version gewaehlt (es gab auch deutsch) und freute mich an dem schoenen akzent des englischen sprechers und an seinem echten enthusiasmus. das einzige was komisch war: die objekte, die von der audiofuehrung erklaert wurden, waren oft gar nicht beleuchtet, weil die birne ausgefallen war.
ich hatte keinen ehrgeiz, mir was zu merken, lernte aber ein paar interessante dinge. z.b. die legende von ganga, der flussgoettin, die in shiva verliebt war, doch von ihm zurueckgewiesen wurde. daraufhin wurde sie so unglaublich wuetend, dass sie die ganze erde zu verwuesten drohte. aber shiva verwandelte diese wut irgendwie in seinem kopf, so dass ganga zu einem grossen fluss wurde, dem ganges.
es waren natuerlich viel mehr abteilungen geschlossen als nur ein paar, und die die geoeffnet waren (muenzen und waffen) interessierten mich nicht besonders. das ganze museum machte einen etwas duesteren eindruck, obwohl es von aussen ein imponierendes gebaeude ist. als ich nach zweieinhalb stunden wieder in die hitze hinaustaumelte, hatte ich hunger.
mein plan: ich gehe jetzt zur nationalgalerie fuer moderne kunst, die ein ganz neues und frisch eingeweihtes gebaeude hat und sicher eine funkelnagelneue cafeteria, so ungefaehr im stil mit moderna museet in stockholm. ich stellte mir tatsaechlich was wie caffe latte vor, weil ich halt immer noch nichts gelernt habe.
nahm mir fuer den kurzen weg eine rikscha, weil ich aus meinen erfahrungen gestern klug geworden war (wo ich vergeblich versucht hatte, die strasse zu ueberqueren).
ihr habt es natuerlich schon erraten: es gab keine cafeteria und kein restaurant und ueberhaupt nirgendwo in der ganzen gegend, wie man mir am eingang mit duesterem blick versicherte (ich glaube, die bewohner von delhi haben auch nicht meine sorte von humor, ich fand es also gar nicht lustig), und ueberhaupt wuessten sie ueberhaupt nicht, wo man in ganz delhi was zu essen bekommen koennte.
schliesslich liess ich mich von einer rikscha zum naechsten restaurant bringen. ich nahm mir vor, mich heute so richtig zu verwoehnen (schliesslich ist der geburtstag meiner schwester), und ging in ein restaurant mit dem namen ichibana, das von einem mann in uniform bewacht wurde und ziemlich vornehm aussah. es war ein restaurant fuer chinesische, thai und japanische kueche, und die klimaanlage war auf hochtouren eingestellt.
dort bestellte ich sieben gemuese in cremiger knoblauchsosse und dazu reis, pickte mit meinen staebchen hungrig das ganze sauer eingelegte gemuese schnell weg, das man mir als appetitanreger hinstellte, trank ein fruchtbier, verspeiste eine portion, die auch fuer zwei gereicht haette und schluerfte hinterher noch einen eiscafe. dann liess ich noch ein koenigliches trinkgeld da, und zufrieden mit mir und der welt schlenderte ich zurueck zur nationalgalerie fuer moderne kunst.
dort kaempfte ich mich dann in ungefaehr zwei stunden durch eine stattliche anzahl gemaelde. vieles ziemlich interessant, aber eben auch eine bunte mischung, was ziemlich ermuedet, wenn man keinen einzigen namen kennt.
eine kuenstlerin blieb bei mir haengen: amrita sher-gil. ich hatte von ihr noch nie etwas gehoert, aber die bilder hatten wirklich was besonderes. sie war die tochter eines indischen sikh und einer ungarin, studierte in paris kunst und kam im alter von 21 jahren auf der suche nach ihrer indischen identitaet nach indien. tragischerweise starb sie nach einer kurzen krankheit schon im alter von 28. die bilder haben eine unglaublich kraft und eigenstaendigkeit, was man von vielen anderen ausstellungsstuecken nicht sagen konnte. im museumsshop habe ich dann ein buch ueber sie durchgeblaettert und gesehen, dass fast ganze familie kuenstlerisch taetig war.
so, und jetzt bin ich wieder hier.
noch was muss ich erzaehlen. auf dem weg von der jugendherberge zu meinem internetpoint komme ich immer an einem verfallenen haus vorbei, in dem offensichtlich zwei alte leute wohnen. ich freue mich immer, wenn ich da vorbei komme, weil sie eine solche wuerde ausstrahlen. sie haben auch einen hund, einen spitz, der immer stolz und wachsam vor dem eingang liegt und weiss, dass er einer der wenigen hunde in delhi ist, um den sich jemand kuemmert.
ach, und jetzt sehe ich, dass ich in der ueberschrift meinen grossen zeh erwaehnt habe. ich muss also noch sagen, dass ich mir vorgestern den rechten grossen zeh ganz boese angehauen habe, als ich auf dem weg in die metro war. mir wurde so schlecht, dass ich mich am gelaender anhalten musste, was gleich einen alten mann zu schimpftiraden verleitete. der halbe zehennagel hat sich aus dem nagelbett gehoben, ist aber nicht abgegangen. und jetzt ist also der halbe zeh so ziemlich schwarz. ich habe ihn mit einem polster geschuetzt, aber geschlossenen schuhe kann ich die naechsten tage wohl nicht anziehen.
wenn ich mich wieder melde, bin ich schon ein paar hundert kilometer weiter noerdlich.

Dienstag, 3. März 2009

was zu delhi und was ich hier so gemacht habe

ich habe gestern eine zweistuendige fahrradrikscha-tour durch old delhi gemacht.
voellig apathisch sass ich auf der bank (ich hatte eine rikscha mit sonnendach gewaehlt) und liess mich einfach durch die gassen transportieren.
waere man laenger hier, das chaos wuerde sich ordnen: hier ist die schuhgasse, hier die gewuerzgasse, hier die brillengasse, hier die gasse fuer hochzeitskarten, hier die gasse fuer elektronische artikel, hier die buechergasse usw.
es ist ein voellig unbegreifliches wunder, dass bei dem chaos und dem gedraenge immer noch was weitergeht. der verkehr wird hauptsaechlich von fahrradrikschas bestritten. ausserdem gibt es haufenweise zugkarren, auf denen waren durch die gassen transportiert werden. ein alter mann sass mit mehreren stapeln gefuellter eierkartons in einer fahrradrikscha.
eine muslimische begraebnisprozession kam vorbei, die nur aus maennern bestand.
kleine schulmaedchen in uniform und mit geflochtenen zoepfen wurden mit schulrikschas nach hause gebracht, auf deren baenke jeweils sechs maedchen platz hatten. hinten hingen an einem haken sechs bunte rucksaecke. andauernd wird gerufen und gehupt, ungeduldig an der rikscha des nachbarn geruetttelt.
die traeger haben sich auf ihre zugkarren gelegt und schlafen in der mittagshitze.
irgendwo wird essen in kleinen papierschuesseln kostenlos ausgeteilt, und es bilden sich lange schlangen.
der mann vom internetpoint sagte uebrigens, er hat heute den preis fuer das internet gesenkt, weil ich am vormittag zu ihm gesagt habe, dass dies das teuerste internet ist, das mir in indien begegnet ist. das ist auch delhi. die ganze zeit hat man das gefuehl, dass die stadt gegen einen ist, und dann kommen so nette gesten, auch wenn es vielleicht nur die halbe wahrheit ist.
ich habe heute mit einem mann aus mumbai zu mittag gegessen. ich hatte ihn in irgendeinem kleinen laden gefragt, ob das restaurant nebenan gut sei, weil ich gehoert hatte, dass er gut englisch sprach. er sagte, wenn du gut essen willst, dann iss nicht hier. er bot mir an, mich mit dem auto ein stueck mitzunehmen, zu einem guten restaurant, und schliesslich lud er mich sogar ein. es war das beste essen, das ich in delhi bisher gegessen habe.
er war koch. wir redeten ueber essen. er hat vor, ein restaurant zu eroeffnen, in dem traditionelles indisches essen serviert wird.
was zum beispiel?
zum beispiel gefuellte auberginen, gefuellter indischer kaese (mit einer mischung aus nuessen und spinat gefuellt), etwas mit lotusblueten. klang lecker.
am fernsehen wurden szenen von dem kricketspiel in pakistan gezeigt, bei dem einige spieler aus sri lanka (?) von terroristen angeschossen wurden.
wir unterhielten uns ueber delhi, und er teilte meine ansicht, dass delhi eine harte stadt ist. mumbai sei anders, die leute freundlicher, der verkehr nicht so chaotisch.
auch in chennai sind die menschen viel warmherziger, freundlicher als hier.
hier laechelt einen kaum jemand an.
ich habe heute uebrigens ungefaehr eine viertelstunde lang vergeblich versucht, eine fuenfspurige fahrbahn zu ueberqueren.
dann war ich kurz davor, den verstand zu verlieren. ich zeigte den autofahrern den vogel.
es gab auch nicht das geringste anzeichen eines fussgaengeruebergangs.
und wenn es einen fussgaengeruebergang gibt, dann heisst das so viel wie nichts, null, nada.
gestern lief ich bei connaught place, dem kommerziellen zentrum, von delhi herum und wurde ungefaehr alle fuenfzig meter von jemandem angesprochen.
where do you come from?
ma'm, what are you looking for?
ma'm, you want to go somewhere? riksha? taxi?
ma'm, this block B.
ma'm, can I help you?
einer spielte beleidigt, als ich seine frage nicht beantwortete.
ich sagte zu ihm, jeder, der mich hier anredet, ist sowieso nur an meinem geld interessiert.
ich aber nicht, sagte der beleidigte rikschafahrer, ich will mich nur unterhalten.
ich unterhielt mich also mit ihm. wo ich herkomme, wie lange ich schon hier bin, wie lange ich noch bleibe. ich hatte keine lust, die wahrheit zu sagen und erfand irgendwas.
danke, dass sie sich mit mir unterhalten haben, sagte er.
bitteschoen, sagte ich.
auf wiedersehen.
auf wiedersehen.
ma'm you from france?
no.
germany?
no, finland.
oh, finland, nice.
hundert meter weiter spricht mich ein anderer mann an.
you from finland?
(sein kumpel hatte ihn angerufen und die information weitergegeben)
no, from iceland.
iceland? oh, i thought you from finland. iceland, i don't know so much from iceland.
it's very very cold. only ice. veeeeery cold.
only ice. oh. what you do in india?
i go fishing. i like fishing whales.
ein paar hundert meter weiter:
ma'm, where you come from?
from nowhere.
oh. norway? what are you looking for?
was habe ich noch in delhi gemacht? ich habe ein choco baby (eis am stiel gegessen), ich habe in einer barista espressobar einen cappuccino fuer 55 rupies getrunken und ein gespraech mit einem mann mit dem namen ali gefuehrt, der im sommer eine kanadierin heiratet und nach kanada zieht.
er redete von der korruption in indien und darueber, wie furchtbar delhi ist.
alle inder scheinen nur wegzuwollen aus indien.
auf dem kleinen marktplatz, wo ich immer ins internet gehe, bietet fast jeder kleine kiosk visum-formulare fuer die usa an.
ich hatte heute eine theorie: als tourist in delhi man eine art strassenhund, den gesetzen der strasse ausgeliefert. man muss sich bestimmte ueberlebenstechniken aneignen, schnell reagieren koennen und immer auf der hut sein.
die kunst in delhi bus zu fahren: die kunst auf einen fahrenden bus aufzuspringen und aus einem fahrenden bus wieder auszusteigen und sich davor durch den ganzen bus durchzudraengen und den busfahrer durch gezieltes rufen dazu zu bringen, bei der haltestelle zumindest die geschwindigkeit zu verlangsamen.
ich habe mir in delhi von einem schuster auf der strasse die naht meiner schuhe naehen lassen.
heute habe ich den Qutab Minar besucht, das ist so ein riesiges minarett, das irgendwann im 12. jahrhundert von einem muslimischen herrscher gebaut wurde. ich kann mit dieser art von triumphaler phallischer religionsarchitektur nichts anfangen, schon gar nicht, wenn ich lese, dass dieser herrscher buddhistische kloester zerstoeren und moenche abschlachten liess. daneben wollte dann ein anderer herrscher ein noch groesseres minarett bauen lassen, aber er starb waehrend der bauarbeiten, und jetzt steht nur ein haesslicher kleiner stumpf da.
diese mausoleums-sucht kann ich auch nicht begreifen. vielleicht habe ich deshalb inzwischen keine lust mehr, zum taj mahal zu fahren. es ist mir aber auch ganz einfach zu stressig.
auf dem gelaende des Qutab Minar fand eine filmeinspielung fuer irgendeines dieser indischen musikvideos statt. dreissig oder vierzig junge maenner in dunklen (abgetragenen) anzuegen, mit krawatte und einem vor mund und nase gebundenen taschentuch mussten in der mittagshitze eins ums andere mal eine tanzeinlage wiederholen, bis der regisseur endlich zufrieden war.
ich wollte dann noch in das museum fuer moderne kunst, habe aber so viele widerspruechliche richtungshinweise bekommen, dass das museum, als ich ankam, nur noch zwanzig minuten geoeffnet war und ich das vorhaben also auf morgen verschob.
morgen abend fahre ich dann mit dem nachtzug nach dehra dun. alle sagen, dass uttrakhand schoen ist und dass die leute dort nett sind. wahrscheinlich werde ich dort waermere kleider brauchen.
bis dann, alles liebe.

3. was ein mensch so macht

(diesen eintrag habe ich eigentlich gestern schon mal geschrieben, aber dann kroch der internetmann unter meinen tisch und sagte, just a minute, und ich dachte noch, soll ich jetzt vielleicht vorsichtshalber auf "speichern" druecken, aber da hatte er schon das stromkabel herausgezogen, und alles geschriebene war verschwunden. ihr koennt euch vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe. er murmelte was von "technical problems", aber es tat ihm wirklich leid.)
also, wo war ich stehen geblieben.
als ich mich um sieben uhr anzog und hinunter zur rezeption des "star palace" ging, um zu sagen, dass ich von hier weg will, auschecken, um jeden preis in der welt, da begegnete man mir mit gleichmut. eigentlich, dachte ich, ist es vielleicht hier gar nicht so schlecht. bei tageslicht besehen sieht ja alles immer ein bisschen rosiger aus. nicht mal die erhoehten parkgebuehren fuers taxi wollte der mann an der rezeption jetzt haben.
sogar der boiler in meinem "badezimmer" funktionierte. das haette ich mir nie gedacht, weil naemlich die haelfte von diesem boiler irgendwie an ein paar duennen kabeln hing.
ich schuettete also heisses wasser ueber mich, fuehlte mich zwar furchtbar unausgeschlafen, aber wie eine art mensch, und ging mit meinem rucksack hinaus in die kuehle delhi-morgenluft. also wenn ihr euch jetzt eine normale strasse vorstellt und einen buergersteig oder so was, dann kann ich nur sagen: falsch. falsch. falsch. es war eine art hinternebengasse, schmal und staubig.
gleich neben dem hotel "star palace" fiel ich ein paar stufen hinunter in ein kleines schummeriges cafe, das sich "momos cave" nannte und ungefaehr fuenfzehn plaetze an vier tischen hatte. eine art gemuetliches wohnzimmer mit chinalaternen und marokkanischen hockern, und an der wand war ein buecherregal, in dem englische, deutsche und sogar schwedische buecher standen.
"momos cave" war voellig fuer die beduerfnisse von travellern eingerichtet und auch nur von solchen besucht. am nebentisch sassen zwei indienerfahrene reisende aus mexico, die gerade einem jungen mann aus korea erklaerten, was man in delhi alles machen konnte.
ich ass ein "healthy breakfast", das aus muesli mit fruechten und joghurt und honig bestand (nur wer zwei monate in indien gewesen ist, weiss, wie gut ein muesli schmecken kann) und trank dazu einen milchkaffee (dito!).
dann machte ich mich auf die suche nach einer autorikscha, was natuerlich nicht schwer war.
der erste rikschafahrer war sofort bereit, mich zur jugendherberge zu fahren, obwohl er nicht genau wusste, wo sie lag. wir vereinbarten einen preis, der natuerlich viel zu hoch war, aber ich hatte keine kraft zum kaempfen mehr und kannte auch delhi nicht gut genug und liess ihn durch nebenstrassen kurven (damit mir der weg laenger vorkam), ohne zu protestieren, fragte ihn nach seiner familie und war insgesamt ziemlich nett. schliesslich brachte er mich aus der hoelle weg. als ich ihm schliesslich die 200 rupies in die hand drueckte, kuesste er sie, bevor er sie in die hemdtasche steckte und nannte mich seinen "gott". naja, das war ein leicht erworbener titel.
die jugendherberge liegt in new delhi, im diplomatischen viertel, und eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass eine stadt solche extreme beherbergt. hier sind die strassen breit, der himmel hoch, es stehen baeume herum, der verkehr ist maessig. es ist ein reiches, reiches viertel, aber deshalb faehrt man ja eigentlich nicht nach indien.
mann, war ich erleichtert, als ich in der rezeption der jugendherberge sass. alles war so sauber und ging irgendwie so geordnet vor sich. sogar fuer meinen schwedischen jugendherbergsausweis hatte ich ploetzlich verwendung.
ein bett im mehrbettzimmer kostet 150 rupies, das sind umgerechnet 2 euro 50. inklusive fruehstueck.
weil grade geputzt wurde, machte ich mich auf einen spaziergang durchs diplomatenviertel. ich kam sogar an der deutschen botschaft vorbei, vor der ich stehenblieb und ueber die mauer auf die verspiegelten fenster blickte, um zu denken: da sitzen leute, die fuer dich da sind. fuehlte sich irgendwie einen moment lang erhebend an.
eine sehr breite paradestrasse war in abstaenden von ungefaehr hundert metern von vielen polizisten gesaeumt, die mir immer aufgeregt zuwinkten, was aber nicht bedeutete, dass ich dort nicht gehen durfte, nur, dass ich mich irgendwie beeilen sollte. ich verstand es nicht genau und ging einfach weiter. schliesslich wurde ich von einem polizisten ganz von der strasse weg- und in eine gruenanlage hineingewunken, wo schon ein paar leute standen, als faende eine verschwoerung im gebuesch statt. ich bekam die erklaerung, dass wir hier ein paar minuten warten muessten, bis irgendeine wichtige person mit polizeieskorte vorbeigefahren waere.
nach einem kurzen mittagsschlaf in der jugendherberge (ich kann diese jugendherberge nicht genug loben. alles total sauber. der schlafsaal, in dem sechs betten stehen, hat ein eigenes klo und eine eigene dusche) versuchte ich irgendwie das oeffentliche transportsystem dieser stadt zu erkunden.
ich hatte naemlich die indischen rikschafahrer ziemlich satt.
nach einigem herumirren und fragen fand ich schliesslich auch einen bus, der mich zur metrostation "central secretariat" fuhr, und von dort nahm ich eine metro nach old delhi.
die u-bahn hier hat ein seltsames token-system. man kann auf einem plan nachschauen, wieviel rupies es zu der u-bahn-station kostet, die man ansteuert, und dann kauft man an einer kasse einen entsprechenden token. erst dachte ich, ich kann ja gleich zehn tokens kaufen, kaufte aber dann erstmal nur zwei, einen fuer die hinfahrt und einen fuer die rueckfahrt.
jetzt weiss ich, dass man immer nur einen token kaufen darf. ein kontrolleur zog meinen zweiten token ein und schaute mich mit ironischem laecheln an. erst dachte ich, he, spinnt der. dann kam sofort ein englischsprechender inder zur hilfe, konnte aber meine aufregung auch nicht besaenftigen. ich sagte schliesslich zu dem laechelnden kontrolleur. sie brauchen gar nicht so zu laecheln, ich bin schliesslich fremd hier und kenne ihre regeln nicht.
dann fing ich zum ersten mal an diesem tag wirklich an zu heulen.
draussen vor der u-bahnstation lag erstmal eine reihe bettler. ein mann mit von der lepra zerfressenen haenden. ein mann mit einer voellig infektierten hand. ein paar uebel aussehende hunde. kinder, die gleich die haende ausstreckten nach mir.
ich war an meiner indiengrenze angelangt.
jeder arme fahrradrikschafahrer, der mich mit "hallo, ma'm" zu werben versuchte, wurde erstmal angeschrien: will you please leave me alone? ich tat mir ehrlich ziemlich leid und ging schlucksend weiter.
liess mich in die gassen von old delhi hineinziehen. kam zur moschee jama masjid, wurde aber nicht eingelassen, ob es daran lag, dass ich eine frau war und gerade irgendeine besondere zeit nach oder vor irgendeinem gebet oder vor dem sonnenuntergang war, spielte eigentlich keine rolle fuer mich. ich hatte alles satt, setzte mich auf die stufen und versuchte mich zu sammeln.
ploetzlich spritzte was von hinten gegen meinen ruecken. ich drehte mich um. ein paar stufen ueber mir kotzte ein mann.
naja. ich weiss nicht, ob es jemanden wundert, dass ich delhi ziemlich scheisse fand.
ich trank in einem auf autoreifen spezialisierten viertel einen tee an einem stand. als ich den tee schon fast ausgetrunken hatte, sah ich das wasser, in dem die teeglaeser abgespuelt wurden. es hatte ungefaehr teefarbe.
der teeverkaeufer spuckte in einem strahl eine rote fluessigkeit auf den boden.
ich hatte immer noch nicht genug. schliesslich litt ich unter schlafmangel und bewegte mich wie einer schlafwandlerin. kennt vielleicht jemand diesen zustand?
liess mich also weiter durch die gassen treiben. es zeigte sich, dass ich in einem muslimischen viertel gelandet war. verschleierte frauen, maenner mit kaeppi. enge gassen, und trotzdem fahrradrikscha- und mopedverkehr in beide richtungen.
hammel und schafe an kurzen leinen oder ketten, die gefuettert und spaeter geschlachtet werden.
huehner in enge kaefige gepfercht, und neben ihnen werden ihre artgenossinnen gekoepft und gerupft und gleich gegrillt.
ich stolperte einfach irgendwie so weiter. es war, als ginge es staendig bergab und wuerde staendig dunkler oder duesterer. schliesslich war ich am ende meines muts angelangt. alles kam mir heute so bedrohlich vor.
ich stieg also auf eine fahrradrikscha und liess mich wieder zu u-bahn fahren. von dort aus zurueck zur jugendherberge. ich traf meine zimmergenossin, eine junge frau aus kaschmir. ich duschte und dann ging ich mit der jungen frau, die saba heisst, abendessen im speisesaal der jugendherberge.
sie erzaehlte mir was von kaschmir, ihr erzaehlte ihr was vom hotel "star palace", und um halbneun legten wir uns schlafen. ich schlief sofort ein und schlief wie ein stein die ganze nacht.
sorry, dass dieser eintrag so lang wurde. hoffe, ihr seid nicht eingschlafen.

Montag, 2. März 2009

2. von der hitze chennai in die hoelle delhis

ich traf meinen rikschafahrer wieder!
er stand wie immer vor dem ywca, begruesste mich ueberschwenglich. er brachte mich nach dem fruehstueck in die stadt. ich hatte naemlich beschlossen, ein paar kleider zu kaufen.
dann ueberredete er mich, mit ihm am nachmittag zum flughafen zu fahren.
die hitze in chennai ueberwaeltigte mich ziemlich. ich huepfte von einem schatten zum naechsten. irrte ein wenig herum auf der suche nach einem geldautomaten, der mir geld geben wollte, dann ging ich in mein geliebtes fabindia und gruschte mindestens zwei stunden herum. alle kleidungsstuecke dort sind einzelstuecke, und alles hat gute qualitaet, ist irgendwie fair hergestellt und mit beruecksichtigung alten handwerks usw., die preise sind etwas gehobener, aber fuer uns immer noch guenstig. und alles ist wahnsinnig schoen.
ich kaufte vier blusen und eine hose und einen schal fuer mich.
ich fand auch ein geburtstaggeschenk fuer ingrid, verrate aber nicht, was es ist.
dann nahm ich eine rikscha zurueck und war rechtzeitig im hotel, um mittag zu essen.
es war ein ziemlich angenehmer und luxurioeser tag.
dann packte ich ein paar alte kleider, die ich nicht mehr mitnehmen wollte, in eine papiertuete und ging zum bahnhof, wo ich ein paar strohhuetten gesehen hatte.
ich gab die tuete zwei jungen frauen, die gerade abspuelten. ich habe natuerlich keine ahnung, ob sie was damit anfangen koennen.
ausserdem hatte ich noch ein paar stifte, die ich an die kinder verteilte, die dort herum liefen.
dann trank ich tee im hotelfoyer, setzte mich in den garten und schaute einer gans zu, die herumlief und gras rupfte. der rikschafahrer tauchte auf und winkte mir zu.
schliesslich zahlte ich meine koenigliche rechnung.
es begann schliesslich eine irre fahrt zum flughafen. ich glaube, ein auto braucht eine dreiviertelstunde. mit meinem rikschafahrer schaffte ich die strecke in einer guten halben stunde. dabei hatte ich es gar nicht so eilig. er ist vielleicht der beste fahrer, den ich in meinem leben erlebe habe, auch wenn ich seinen fahrstil nicht zur nachahmung empfehlen moechte. er jagte ueber die strassen, als sei der teufel hinter ihm her, draengte sich in jeden zwischenraum, der sich oeffnete, ueberholte links und rechts und drueckte immer wieder die kleine gruene troete, die an seiner rikscha festgeschraubt ist.
er fand dann den vereinbarten preis natuerlich doch zu niedrig und ueberredete mich, ihm mehr zu geben, worauf ich mit einem "god bless you" ins flughafengebaeude entlassen wurde.
um es kurz zu machen: wir kamen mit zwei stunden verspaetung in delhi an, und am flughafen indira gandhi erwartete mich ein sauerer kleiner taxifahrer mit wollpullunder. das hotel hatte ihn naemlich nicht ueber die verspaetung informiert, obwohl ich angerufen hatte. ausserdem war das flugzeug mindestens eine stunde ueber delhi gekreist, bevor wie landeerlaubnis bekamen.
ich weiss nicht, warum es mich beruhigte, dass der pilot einen amerikanischen akzent hatte...
dieser kleine und eigentlich ziemlich unsympathische mann fuhr mich dann zu meinem hotel "star palace".
was den fahrstil angeht, so war der unterschied zu meinem rikschafahrer die fehlende eleganz. waehrend jener ein kuenstler ist, ein taenzer der strasse, so war dieser taxifahrer ein kleiner wuetender bulldozer.
einmal fragte ich ihn an der ampel, warum er hupte, obwohl die ampel doch rot war und offensichtlich alle autos warten mussten. er sah mich verstaendnislos an und laechelte ein wenig bloed. er blinkte auch staendig mit dem licht auf und ab, obwohl es ueberhaupt keinen grund dafuer gab.
von der geschwindigkeitsbegrenzung will ich gar nicht reden.
im flugzeug haelt sich auch kaum einer dran, dass man sein handy erst wieder einschalten soll, wenn das flugzeug steht.
wenigstens hatte dieses auto einen sicherheisgurt.
schliesslich zog sich delhi zusammen, wurde enger, es standen ploetzlich kuehe herum, die strasse bestand ausschliesslich aus loechern, ueberall lag muell herum, und eine prozession mit trommeln und laternen hielt den verkehr auf. es war inzwischen schon nach elf.
der taxifahrer hupte natuerlich trotzdem wie ein bloeder, ich hielt meine kamera aus dem fenster. "eine hochzeit", klaerte mich der taxifahrer auf.
paharganj? fragte ich. es ist das beruehmte backpackerviertel in der naehe vom bahnhof, wo ich nicht wohnen wollte und jetzt doch wohnte. ja, paharganj.
und da waren wir schon beim hotel.
wenn ich eine lektion gelernt habe, dann ist es die: mach dir nie, wirklich niemals vorstellungen. und glaube niemals, was du im internet siehst.
der "star palace" war naemlich eine ziemlich heruntergekommene kaschemme.
erstmal wurde ich drueber aufgeklaert, dass ich wegen der verspaetung meines flugzeugs die erhoehten parkgebuehren des autos zahlen musste.
mein adrenalinspiegel stieg wieder ein bisschen mehr. nie im leben, sagte ich. schliesslich habe ich angerufen. und. und. das problem wurde auf den naechsten tag verschoben.
dann wurde ich zu meinem zimmer gefuehrt. erstmal kramte ein alter mann aus einem stapel waesche, der sauber sein sollte, aber ziemlich schmutzig aussah, ein handtuch.
dann ging es ein paar treppen hoch. voila. das zimmer. es war klein und schmuddlig. und das bad war noch kleiner und noch schmuddliger (es hatte ungefaehr die groesse meines schreibtischs). ein nasser fussabtreter lag davor. auf dem boden lag noch der muell des vorgaengers, und auf dem bett lag eine zur blume gefaltete decke, die ich sofort davon wegtat, was einen grossen riss im bettlaken offenbarte. im badezimmerspiegel konnte ich ueberhaupt nichts sehen. um die klospuelung zu betaetigen, musste man in den klokasten ins wasser langen und den hebel hochziehen.
das fenster ging zum innenhof. dort war auch um zwoelf uhr nachts noch einiges los.
der kleine schmutzige fernseher funktionierte nicht.
ich war noch nie so dankbar fuer mein seidenlaken.
ich legte mich ins bett. das heulen steckte in meiner kehle, kam aber nicht hoch.
warum wollte ich eigentlich nach delhi?
in der nacht schlief ich nur drei stunden. ich ging alle moeglichkeiten durch. sofort weg von hier. ich hatte das hotel fuer vier naechte gebucht. aber vier naechte wuerde ich es niemals hier aushalten.
mein koerper konnte sich einfach nicht entspannen. ich schaltete immer wieder das licht ein, nahm meinen reisefuehrer, ueberlegte mir alternativen. ein inder im bodhizendo hatte mir die jugendherberge empfohlen. sauber und guenstig sei es dort. in die jugendherberge? hatte ich da gesagt. ich doch nicht.
ich beschloss, am naechsten morgen sofort in der jugendherberge anzurufen.
ich schlief dann irgendwann zwischen halbdrei und halbsechs, und kurz nach sieben rief ich in der jugendherberge an.
eine verschlafene stimme antwortete mir. jaja, ich koennte kommen, um neun, no problem, es gibt aber kein einzelzimmer mehr, nur noch mehrbettzimmer. macht nichts. danke, danke, danke.